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Der Kuss (The Kiss / Le Baiser) - 1907/1908 - Gustav Klimt

 

 

1907 – In Wien fängt Gustav Klimt sein bekanntstes Werk, der Kuss, zu malen an, das er nur 1909 beenden wird. In dieser Zusammensetzung, die als eine byzantinische Ikone auf einem bronzefarbigen Hintergrund entworfen ist, verflicht sich ein Paar in einem Fusionsdruck. Die zwei Protagonisten werden in vergoldeten Mänteln eingewickelt, die einen großen Teil der gemalten Oberfläche besetzen.

1911 – Wird in Dresden Richard Strauss’ Wiener Oper der Rosenkavalier uraufgeführt. In der ersten Szene dieses Werkes beendet die Marschallin, alias Bichette, Sopran, eine lange außereheliche Liebesnacht mit dem Jugendlichen Oktavian, alias Quinquin, ein Mezzosopran als Mann verkleidet.

Österreich und Wien Walzer tanzen. Drei Jahre später Europa umarmtet sich in einem der tödlichsten Konflikte seiner Geschichte. Nach dem großen Krieg wird die Welt nie mehr dieselbe sein. An seiner Art und Weise wird Ravel davon die Bilanz im La Valse im Jahre 1920 ausziehen.

* * *

In meinem Verstand sind diese drei Ereignisse untrennbar. Sie markieren den Höhepunkt und den Niedergang eines bestimmten Wiener Zeitgeists. Der gehörnte Feldmarschall ist am Krieg. Das Paar gibt sich auf, weltvergessen, in Stoffen eingewickelt; sicherlich kostbare Stoffen, aber die auch als ein Leichentuch gelten, um den Schweiß der physischen Liebe aufzuwischen. Die Aktion findet aufgrund von Walzern statt, Walzern am Rand eines Abgrundes, wo der „kleine Tod“ des Orgasmus sich in echtem Blutbad wandelt.

Auf einem geblühten Steilhang am Rand eines Abgrundes, den man unergründbar denkt, wird ein Paar ineinandergegriffen. Die zwei Mäntel und die zwei Köpfe zeichnen die Form einer Vertikale, aufgerichteter Penis. Die zwei Umhänge scheinen nur einer zu sein. Jetzt eine Form des sexuellen Dimorphismus – der gleichen Art wie jene der Schmetterlinge – verbindet einen Hintergrund neutrale, rechteckige, schwarze, vertikale Motive, mit dem Mann, und gefärbte, tangentiale Kreise mit der Frau. Die Köpfe und die nackte Schulter der Frau formen die Eichel ohne Vorhaut dieses schwellenden Geschlechtes. Der Mann ist braunhaarig, die Frau rothaarige, in einem post coitum Extastestand. Der Abgrund ankündigt eine Inszenierung des Todes. Aber umgekehrt von der Sexualität der Gottesanbeterin, wird die Frau geopfert. Ihre Füße hängen schon in der Leere. Verwandelt sich die Femme fatale als Opfer? Das ewige Zusammenleben von Έρως und Θάνατος…

Umstellung der Rollen und der Geschlechter. Davon geht es in dem Strauss’ Oper, wo Oktavian, Mezzosopran als Mann verkleidet, zweimal sich als Mädchen verkleiden muss. Die Schwierigkeit für die Sängerin – eine Frau, die eine männliche Persönlichkeit verkörpert – besteht darin, die Illusion zu geben, dass, wenn sie/er sich als Frau verkleidet, es wirklich um eine Verkleidung und nicht einer Rückkehr zu ihrer/seiner natürlicher Bedingung handelt.

Die Umfassung in einem Umhang, von einem Todessetzen gefolgt, ist auch die Thematik der Oper Il Tabarrro, 1918, der erste Teil von Puccinis Il Trittico. Bei Klimt findet die Aktion nicht an Bord eines am Kai von Seine festgemachten Schubkahns statt, sondern – endgültige Begrenzung der Schändung – im Rahmen einer byzantinischen Ikone. Der am Blatt vergoldeter Hintergrund, simuliert eine Riza oder ein Oklad. Ein vergoldeter Halo kann soeben über den Köpfen der Liebhaber unterschieden werden. Die Flachheit der Perspektive, die auf frontalen Ebene zermalmt wurde, betont die Ähnlichkeit mit den byzantinischen Mosaiken von Ravenna, die Klimt gut kannte. Heiligung des verliebten Paares, der Geschlechtshandlung, des Orgasmus, des männlichen Geschlechtsorganes?

Die senkrechte Lage der Zusammensetzung wird durch das viereckige Format des Bildes kompensiert. Die mit dem Männlichen verbundenen Vertikalen, und die mit dem Weiblichen verbunden Horizontalen balancieren sich dort also aus. Viele Reproduktionen dieses Werkes schneiden die Seiten des Bildes, um das Gleichgewicht der Zusammensetzung nach der Vertikal zu verweigern, damit die Existenz oder die Wirklichkeit des weiblichen Vergnügens, wie durch eine Fehlleistung, leugnend oder mildernd. Es ist treffend, dass eine andere Lektüre des zentralen Motivs es zu einen Vogelkäfig machen kann, dessen Stäbe der Mensch und der gefangene Inhaber die Frau sind. In dieser Auslegung bleiben die bürgerliche Moral und der Glauben in der Vorrangstellung des Männchens gerettet…

In 1905, veröffentlicht Freud gerade seine Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Der Erste Weltkrieg bereitet sich in die Balkan vor. Wien Walzer tanzt auf das Puderfass. Walzer tanzen, um zu vergessen. Walzer tanzen, um des maßgeblichen Konservatismus zu vereinigen. Walzer tanzen, um blind zu bleiben. Walzer tanzen, um die alten Werte hoffnungslos zu behalten, sogar wenn man weiß, dass sie wertlos geworden sind…

 

 

Louis DOUCET

 

 

   

 

 

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AUTEUR

> Louis DOUCET